Gewalt hat vie­le Gesich­ter, und häus­li­che Gewalt betrifft nicht nur Frau­en und Kin­der, son­dern es gibt nicht sel­ten auch Gewalt gegen­über Demenz­kran­ken und Älte­ren Men­schen.

Letz­te Woche fand im Land­rats­amt Starn­berg die Aus­stel­lungs­er­öff­nung von der Wan­del­aus­stel­lung »Blick dahin­ter — Häus­li­che Gewalt gegen Frau­en«  http://www.frauenhelfenfrauen-sta.de/media/329/cms_57f74d672c697.pdf, die ich wärms­ten emp­feh­len kann. Sie beschäf­tigt sich mit dem Wahr­neh­men und bewuss­te­ren Umgang der Viel­schich­tig­keit der häus­li­chen Gewalt. Dar­un­ter sind auch älte­re Men­schen betrof­fen, und beson­ders von Demenz betrof­fe­nen Men­schen.

Wer als Eltern schon näch­te­lang ein wei­nen­des Baby im Arm gehal­ten hat, weiß, wie man­che so weit kom­men, dass sie das unschul­di­ge Wesen schüt­teln, nur damit die eige­ne Qual ein Ende nimmt. Ich habe es erlebt und das Ver­lan­gen gespürt. Es ist völ­lig los­ge­löst von dem glei­chen Wesen, das wir mit unse­rem eige­nen Leben beschüt­zen wür­den. Es läuft ein Pro­gram par­al­lel ab, auf ein­mal ist man Opfer von einem Mons­ter, das uns absicht­lich quält. Die Jah­re sind ver­gan­gen, ich habe die­ses Gefühl der Macht­lo­sig­keit und Über­for­de­rung nicht ver­ges­sen. Etwas ähn­li­ches pas­siert, wenn ein Eltern­teil oder Part­ner im Alter unter ande­rem dement wird.

Die Qual des Schlafentzugs

Als gesun­der Mensch geht man schla­fen und, trotz ein oder zwei nor­ma­le Pipi­pau­sen, der Tag geht erst am nächs­ten Mor­gen wei­ter. Und wenn man nicht unter Schlaf­stö­rung lei­det, ist man bereit Bäu­me der Grö­ße von … min­des­tens Gras­hal­men aus­zu­rei­ßen! Aber bei Dementkran­ken ist es oft so, dass der Tag/Nacht Rhyth­mus gestört ist. Sie schla­fen viel­leicht früh ein, viel­leicht. Aber um zwei, wenn sie wach sind, kann es pas­sie­ren, dass sie des­ori­en­tiert sind. Sie machen viel­leicht das Licht an, fra­gen einen, dass man jeman­den holt, der doch nach ihnen schau­en soll. Oder aber sie sind wach und ver­ste­hen nicht, war­um es nichts zu essen geben soll. Sie ver­wech­seln unter Umstän­den das Klo mit dem Schrank und … es kann episch wer­den. Zumin­dest wenn man es schafft, es mit Humor zu neh­men.

Eini­ge Näch­te geht es gut, man fasst es mit Geduld, viel­leicht eben Humor. Man denkt sich, die nächs­te Nacht wird er/sie gut schla­fen und man wür­de sich dann erho­len. Aber irgend­wann knab­bert es nicht nur an die Geduld son­dern auch an das Immun­sys­tem und vor allem an das Ner­ven­kos­tüm in all sei­ner Pracht. Durch den Schlaf­man­gel lei­det nicht nur die Stim­mung am Tag dar­auf. Nein, auch die Gehirn­fä­hig­keit bzw. Akti­vi­tät wird ein­ge­schränkt wie das Gedächt­nis, die Lern­fä­hig­keit bis hin zur syn­ap­ti­scher Plas­ti­zi­tät, die dazu dient, die Funk­tio­nen des Ner­ven­sys­tems zu erhal­ten, anzu­pas­sen und ggf. zu erwei­tern. Also ist die­se Stö­rung bei Wei­tem nicht zu unter­schät­zen.

Folgen

Wenn man Pech hat, wird even­tu­ell der demen­te Part­ner auch noch aggres­siv. Auch die fried­volls­ten Wesen unter uns kön­nen lei­der durch die patho­lo­gi­sche Ver­än­de­rung des Gehirns ein aggres­si­ves Ver­hal­ten ent­wi­ckeln. Manch­mal ist es nur zeit­wei­se da durch ihren Frust, nicht ver­stan­den zu wer­den, manch­mal nicht nur. Und dann kann einem schon der Kra­gen plat­zen, ver­bal oder gar phy­sisch. Wer hat da schon die Geis­tes­ge­gen­wart, sich in jedem die­ser Augen­bli­cken zu erin­nern, das es nichts mit einem selbst zu tun hat? Oder ist in der Lage sich wenigs­tens phy­sisch auf Distanz zu brin­gen?

Den­noch ist es nie zu spät etwas dage­gen zu unter­neh­men und sich Hil­fe zu holen. In vie­len Fäl­len legt sich eine Blei­de­cke über das ein­ma­li­ge Gesche­hen. Scham und Schuld­ge­füh­le ergrei­fen einen. Man recht­fer­tigt sich selbst gegen­über. Man ist am nächs­ten Tag beson­ders lieb. Das klingt schon sehr nach einem bekann­ten Mus­ter von häus­li­cher Gewalt.

Tat­sa­che ist, dass es WEGE gibt, nicht in die­se Spi­ra­le hin­ein zu gera­ten.

Die Spirale

Der bes­te Weg NICHT in die Spi­ra­le der Gewalt zu gera­ten, so sub­til und sel­ten sie sei, ist sich ein­zu­ge­ste­hen, dass es eine Form der Gewalt ist, die einen ergreift. Der Grund ist wich­tig für einen sel­ber. Im Grun­de ist es wie ein Kurz­schluss, was da ent­steht, in dem Moment. Aller­dings ist die­ser Weg mit Demenz­pa­ti­en­ten, wie im Übri­gen mit allen ande­ren auch, egal wie alt und gesund sie sind, nicht för­der­lich für eine Bes­se­rung der Lage.

Es ist eine Form der Über­for­de­rung. Ich will nie­man­den an der Stel­le in Schutz neh­men. Als Sys­te­mener­ge­ti­ke­rin aller­dings suche ich nach den nicht geleb­ten Fähig­kei­ten, die sich hin­ter sol­cher Arten der Über­for­de­rung ver­birgt. Und jeder Fall ist beson­ders und geson­dert zu betrach­ten, da der Kon­text jeweils ein ande­rer sein kann. Den­noch steckt hin­ter die­ser Art der Über­for­de­rung eine Fähig­keit, die NICHT zufrie­den­stel­lend gelebt wird. Die gute Neu­ig­keit ist, dass Mit­ge­fühl oder auch Lie­be dahin­ter steckt. Man fin­det nur nicht den Zugang dazu. Und als nicht ver­wand­te Pfle­ge­rIn viel­leicht noch weni­ger. Die Grund­fä­hig­keit ist aber da, nur nicht in ihrer ethi­schen Form. Sie kann und darf aber ent­fal­tet wer­den.

Die Emotionen

Dafür hilft es im ers­ten Schritt sich zu fra­gen, wel­che Emo­tio­nen sich dahin­ter ver­ber­gen. Viel­leicht ist es Ihnen jetzt noch nicht mög­lich eine Emo­ti­on zu spü­ren, son­dern Sie kön­nen nur Ohn­macht, Scham, Geiz oder Sor­ge ver­spü­ren. Auch das ist eine Zugangs­mög­lich­keit zu sei­nen Emo­tio­nen Zugang zu fin­den. Sie sind der Weg, sich leben­dig zu spü­ren und sich mit all sei­nen Facet­ten wahr­zu­neh­men und dann anzu­neh­men. Es klingt sicher­lich leich­ter als es sich für Sie gera­de anfühlt, Sie sind aber nicht allein. Je »allei­ner« und macht­lo­ser Sie sich füh­len, des­to drin­gen­der ist es aller­dings, sich Hil­fe zu holen.

Ich wün­sche Ihnen einen guten Zugang zu Ihren Emo­tio­nen und einen guten Umgang mit Ihren Lie­ben, sei­en sie Betreu­ten oder Ver­wand­te.

Herz­lichst,

Isa­bel­le Tscher­nig-Loren­zi

 

 

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