Wenn der Kopf krank ist, fühlt man das. Das Leben und die Hand­lungs­fä­hig­keit ent­glei­ten einem und das macht vie­le Betrof­fe­nen wütend, aggres­siv oder trau­rig. Oft aber auch alles zusam­men! Ein ganz schö­ner Cha­os.

Letz­te Woche habe ich mei­ne Eltern besucht. Aber­mals sag­te mein Vater, mit sei­nen 97 Jah­ren, dass sein Kopf krank ist. In die­sen Wor­ten war deut­lich sei­ne Hilf­lo­sig­keit zu spü­ren. Das mach­te mich trau­rig. Und die­se Trau­rig­keit bleibt, auch wenn ich nicht mehr bei ihm bin. Zu die­sen Momen­ten des Bewusst­seins in der Krank­heit kom­men die, in denen er der Demenz schein­bar völ­lig ver­fal­len ist. Er sieht Auto­bahn­kno­ten, wo das Meer oder die Wie­sen sind. Ande­re Male geht es dar­um, die hun­gern­den Mas­sen doch zu hel­fen, bevor sie völ­lig ver­hun­gern. Er sieht sie vor sich. Und nein, es hilft nicht, ihm zu sagen, dass nie­mand da ist, der hun­gert, denn ER sieht sie. ER macht sogar Vor­schlä­ge, in Wasch­töp­fe, wie es in den Fünf­zi­gern noch gab, eine Rie­sen­sup­pe zuzu­be­rei­ten. Er mahnt, den Bür­ger­meis­ter zu war­nen. Ein ande­res Mal ging es um das Pferd, was wir NIE hat­ten, was hin­ter dem Haus ver­hun­gert. Oder aber auch um den Ver­steck der Waf­fen…

Ja, man liest es her­aus, mein Vater war im Zwangs­ar­beits­la­ger. In Slo­ve­ni­en. Zwei Jah­re. Und kei­ner, auch er  wahr­schein­lich nicht mehr, wird es nach­emp­fin­den kön­nen, was er genau erlebt hat. Auch wenn er nicht mehr genau weiß, was oder wo oder wer. All das hat ihn der­ma­ßen geprägt, dass er an sei­nen -doch häu­fi­gen– schlech­ten Tagen, er schein­bar wie­der dort ist, in ein­zel­nen ver­wa­sche­nen Epi­so­den sei­nes ver­ge­hen­den Lebens.

Was mir hilft

Am Anfang stan­den vie­le schief gehen­de Dis­kus­sio­nen, dar­über, was stimmt oder nicht stimmt. Schnell wur­de merk­bar, wie sehr die­se Rich­tig­stel­lun­gen ihn auf­wühl­ten. Mir  und mei­ner Mama hilft es, mit auf sei­ner inne­ren Rei­se zu gehen. Wenn er beun­ru­higt ist, geht es ledig­lich dar­um ihn zu beru­hi­gen. Natür­lich ist es eine kom­pli­zier­te Grat­wan­de­rung, denn er lässt sich auch nicht für dumm ver­kau­fen. Aber wenn das Pferd etwas braucht, dann muss mein Vater die Sicher­heit bekom­men, dass die­ses ima­gi­nä­re Pferd es auch bekommt. Auch die Sup­pe wird dann für die Hun­gern­den gekocht oder die Waf­fen wur­den ver­steckt und gesi­chert. Die Bewei­se der Sabo­ta­ge wur­den ver­nich­tet, sodass kei­ner sei­ner Kame­ra­den auf Markt­platz erschos­sen oder erhängt wer­den muss…

Über sei­ne Krank­heit kann ich nur erah­nen, was er wirk­lich erlebt hat und wie es ihn zutiefst erschüt­tert hat. Erzählt hat er uns immer nur eini­ge sei­ner Über­le­bens­stra­te­gi­en: die Spra­che ler­nen, kom­mu­ni­zie­ren, im Vor­aus den­ken und sei­ne Haut wie auch immer ret­ten!

Der vergessene Held

Mit die­sen Zei­len kom­men mir die Trä­nen. Ich den­ke an mei­nen Vater. Er lebt. Aber er ist nicht mehr da. Seit Jah­ren schon geht er Monat für Monat immer tie­fer in die Demenz hin­ein. Dabei ist er ein Held gewe­sen. Er hat die Gefan­gen­schaft über­lebt und sprach immer mit einer gewis­sen Leich­tig­keit von die­sen schwe­ren Mona­ten. Bom­ben­an­schlag, Hin­rich­tung, Sabo­ta­ge, Flucht­ver­su­che… das alles waren Erzäh­lun­gen mei­ner Kind­heit, die ein­fach zu ihm gepasst haben. Nie habe ich mir Gedan­ken dar­über gemacht, ob er ein Held war. Denn er hat sich nicht so gezeigt.

Heu­te weiß ich, wie vie­le Fähig­kei­ten er in die­sen lan­gen Mona­ten, fern von sei­ner Fami­lie, ent­fal­ten muss­te, um zu über­le­ben. Er lern­te als Auto­di­dakt die deut­sche Spra­che und wur­de damit als Ein­zi­ger, der das konn­te, zum Dol­met­scher. Des­halb habe ich Deutsch als ers­te Fremd­spra­che gewählt. Aus die­sem Grund woll­te ich Übersetzerin/Dolmetscherin wer­den. Wahr­schein­lich lebe ich des­halb heu­te seit   24 Jah­ren in Deutsch­land und bin mit einem deut­schen Mann ver­hei­ra­tet. Für mich ist »der Deut­sche« immer ein Zei­chen von Chan­cen gewe­sen. Viel­leicht ist er gera­de des­halb für mich ein Held, weil er NIE einem Volk gegen­über feind­lich gewe­sen ist. Auch dem­je­ni­gen nicht, unter des­sen Besat­zung er gefan­gen war.

Er ist für mich zu dem heu­ti­gen Tag eine Rie­sen­lek­ti­on: Mache nicht einen Volk pau­schal ver­ant­wort­lich, für etwas, was ein­zel­ne Indi­vi­du­en tun oder getan haben.

Ich wün­sche mir, dass er Frie­den fin­det und fried­lich gehen darf. Und ich wün­sche mir auch, dass er trotz sei­nen Momen­ten der Aggres­si­vi­tät und Wut in mei­nen Augen einen Held bleibt.

Herz­lichst,

Isa­bel­le Tscher­nig-Loren­zi

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