Manch­mal packt die Wut einen so lan­ge und lässt uns so erschöpft durch das Leben gehen, dass es durch­aus mög­lich ist, dass »man« eines Tages in Trä­nen aus­bricht und meint, die Trau­er wäre der Grund.

Es gibt Grün­de für Trä­ne. Natür­lich ist der Schmerz als Ursa­che für Trä­nen uns gut bekannt. Aber haben Sie schon viel­leicht beob­ach­tet, wie ein klei­nes Kind hin­fällt und wie­der auf­steht, ganz ohne Trä­nen? Dann  sieht es sei­ne Mama an, deren Gesichts­aus­druck oder Kör­per­spra­che Angst signa­li­siert, und plötz­lich bricht das Kind in Trä­nen aus. Als Aus­sen­ste­hen­der ist es oft komisch zu beob­ach­ten. Die Mut­ter hat Angst um das Kind gehabt, und so rea­li­siert das Kind, es hat einen Grund zu wei­nen, viel­mehr aus der Reak­ti­on der Mut­ter her­aus als aus dem eige­nen Erleb­ten. Das nen­ne ich Reso­nanz­trä­nen.

Auch als Erwach­se­ne, erle­ben wir Momen­te, wo Trä­nen flie­ßen kön­nen, ohne dass der wah­re Hin­ter­grund klar ist. Wir ken­nen die Trä­nen der Freu­de oder der Rüh­rung, die Trä­nen der Frus­tra­ti­on, oder als Frau­en, die Trä­nen in hor­mo­nell bedingt anstren­gen­den Tagen, wo wir nah am Was­ser gebaut sind, wie es so schön heisst. Aus mei­nem bei­na­he Jahr­zehnt Yoga­er­fah­rung und Aus­bil­dung weiss ich zusätz­lich, dass Trä­nen ein Kör­per­be­dürf­nis sind und bei Bedarf frei flie­ßen soll­ten. Sie machen Platz, schaf­fen frei­en Raum.

Und manch­mal hat man jeman­den gegen­über, der in Trä­nen aus­bricht und es rührt sich kei­ner­lei Mit­ge­fühl in uns. Das pas­siert uns Eltern viel­leicht gegen­über Jugend­li­chen. Unser Nach­kömm­lin­gen sind ja noch nicht in der Lage, ihre Emo­tio­nen klar aus­ein­an­der zu hal­ten. Wir Erwach­se­nen schaf­fen das auch bei Wei­tem nicht immer, es wäre ver­lo­gen, das zu behau­ten 😉

Ehrlich sein, auch zu sich

Manch ande­re Mal -eben bei uns Erwach­se­nen- ist es viel­leicht ein noch leb­haf­tes Kind-Anteil, das sich in uns rührt und uns aus Wut wei­nen lässt. Wich­tig ist es an der Stel­le, die Chan­ce zu nut­zen und auf­merk­sam hin­zu­schau­en. So ist es mög­lich zu prü­fen, ob wir sel­ber unse­re Trä­nen nach­voll­zie­hen kön­nen. Eines Tages bricht ein Damm von ange­stau­ter Wut, und auch das kann Trä­nen aus­lö­sen, die heil­sam sind. Aller­dings, den­ke ich, sind sie in dem Fall nur heil­sam, wenn sie als »Trä­nen der Wut« ange­se­hen wer­den. Wenn wir uns da selbst belü­gen und mei­nen trau­rig zu sein, weil wir halt wei­nen, dann machen wir uns unter Umstän­den zum Opfer. Wir machen uns etwas vor. Auch wenn ich nichts gegen Selbst­mit­leid habe, ist es gut, wenn man es sel­ber als sol­ches ansieht. Es spricht dafür, dass wir ein lie­be­vol­les Ver­hält­nis zu uns haben. Das Glei­che gilt für die Trä­nen der Wut, flie­ßen las­sen, und sich fra­gen, was macht mich trau­rig? Bin ich über­haupt trau­rig? Was ist es dann? Es geht nicht dar­um die Kon­trol­le über sei­ne Emo­tio­nen zu haben, ganz im Gegen­teil, geht es dar­um SICH SELBER GEGENÜBER EHRLICH zu sein…

Sys­te­mener­ge­tisch betrach­tet, sind Trä­nen der Wut die Fähig­keit, die Kon­trol­le zu ver­lie­ren und sei­ne Wut zu erle­ben. Und »wo viel Wut ist, ist viel Lie­be« sagt Heinz Strauss.

Egal wel­che Trä­nen kom­men, Sie sind nie allein, Sie haben min­des­tens sich selbst!

Herz­lichst,

Isa­bel­le Tscher­nig-Loren­zi