Coaching

Die Kunst des langsamen Gehens

Der Titel verleitet zu der Annahme, dass ich die Kunst des langsamen Gehens beherrsche. Ach ja, wie schön es klingt! In der Tat ist es so, dass ich sehr spät erst festgestellt habe – und wenn ich schreibe spät, ich meine es so, nämlich mit etwa 45 Jahren… Wenn ich zurück blicke, ahne ich, dass ich langsam verstehe, was es überhaupt heißt, langsam zu gehen. Und an der Stelle, für diejenige, die mich vielleicht wortwörtlich genommen haben, meine ich „gehen“ im übertragenen Sinne.

Augen zu und durch

So war glaube ich Jahre lang mein stummes Motto. Mit langsam hatte ich es nicht so, es war keine bewusste Entscheidung, es war einfach so wie ich war: spontan, unüberlegt, manchmal impulsiv. Insofern hielt ich es nicht für schlecht und war mir dessen wie gesagt gar nicht bewusst, dass es anders „geht“, das Gehen. Die Sprache selbst, Deutsch wie Französisch, ist gefüllt von Begriffen, die die Schnelligkeit des Vorangehens im Leben quasi vorgeben. Zum Beispiel heißt es „im Laufe der Zeit“, weil ja die Uhr tickt, die Zeit rennt… und so bin ich auch gerannt, bis es mich geschmissen hat, ordentlich. Rücken putt! Ja, ich als Yogalehrerin habe auch einen Rücken, der nicht nur tut, was mir lieb ist.

Im Rahmen meiner Coachausbildung lernte ich, dass „wer gehen will, muss erst stehen lernen!“. Und zu dieser Zeit war Stehen eine Qual, von Gehen war nicht einmal mehr die Rede. Und so habe ich peu à peu gelernt, dass es okay ist, slow zu sein. Inzwischen nehme ich mir die Zeit, die ich, wie ich doch merke, brauche. Ich stehe dazu, wenn ich mich NICHT entscheiden kann, nach dem Motto, keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Es hat mir viel Entlastung gebracht.

Augen auf und… stopp!

Die Entlastung erlebe ich in vielerlei Ebenen. Erstens ich sehe mehr und erfreue mich an Schönes, wie die vielen Pflanzen und Blumen in der Natur oder auch ein schöner Gesichtsausdruck bei völlig unbekannten Menschen, die mir begegnen. Entscheidungen werden nicht ad hoc getroffen sondern, sie reifen und stehen. Eine andere Entlastung ist beruflicher Natur. In dem Bereich dachte ich vor ein paar Jahren, dass ich mich selbstständig mache und dann treten mir die Klienten die Bude ein 🙂 ratet mal, es kam anders! Weil die Leute langsamer sind als ich. Und es lag dann auf der Hand, was zu üben war. Es war mir dann vorgegeben auch beruflich langsam zu sein, vielleicht sogar besonders beruflich, weil die Auswirkungen schwerwiegend sein können.

Es ist erstens eine Wahrnehmung, dann eine Entscheidung und dann kommt das Erleben bzw. das tatsächliche Annehmen, dass ich im langsamen GEHEN mehr schaffe, besser schaffe, in meinen Beruf hineinwachse, demütig werde, was die Anforderungen meines Berufes als Coach angeht. Es ist eine große Verantwortung, die ich trage, wenn Menschen, die ich nicht kenne, mir ihre Probleme anvertrauen. Umso wichtiger ist es achtsam damit umzugehen. Wer zu schnell ist, tut sich schwer mit Achtsamkeit, und zwar nicht nur dem Klienten oder Dritten gegenüber sondern auch sich selber gegenüber. Wer nicht stabil geht, kann schwer die Rolle der Krücke übernehmen! Inzwischen gehe ich langsamer und ich vermute, es geht noch langsamer, achtsamer. Es ist nicht ein Skill, dass man erlernt und dann immer zur Verfügung hat. Nein, vielmehr ist es ein dauerhaftes Üben und an sich Arbeiten, eine Fähigkeit, die regelmäßig aktualisiert werden darf.

Das Leben in Slow Mo

Das bin ich noch nicht, vielleicht werde ich es nie sein. Das macht mir nichts aus, ich werde sicher kein Zen-Meister, den die Leuten aus aller Welt in einem Kloster aufsuchen, um Rat und Weisheit zu finden. Ich bin, was ich bin und die, die ich bin und es passt mir wie angegossen. Dennoch „gehe“ ich manchmal so langsam, dass ich meine sogar zu stehen und doch komme ich voran und gut, wie mein erstes VHS-Yoga-Seminar als Dozentin heute beweist. Übrigens, kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, einfach drauf klicken und schon landet Ihr im neuen Tab bei der passenden Veranstaltung der VHS (6-10.11.17 in Buchenried), wenn Ihr Euch etwas Gutes tun wollt oder auch mir, oder beides oder an Interessenten weiterschickt, tut Ihr mir einen Riesengefallen, danke dafür!

Ich übe mich weiter ans langsam und stabil Gehen und ich ernte Früchte und freue mich darauf. Witziger Weise hat mein Opa, der ein italienischer Flüchtling der Mussolini-Regime war, sehr oft folgenden Spruch gesagt: „Wer langsam geht, geht sicher und wer sicher geht, geht lange“. Das ist einer der italienischen Sätze, die ich prima sagen kann, auch ganz schnell 😉

Danke „pépé“, Du wusstest es besser!

 

Meine lieben Leserinnen und Leser, Freunde und Kollegen, danke für Eure Zeit und Eure lieben Rückmeldungen. Nimmt Euch die Zeit zu leben und vergiss nicht eins: es geht nicht so schnell, langsam zu werden! Aber die Mühe lohnt sich.

Herzlichst,

Eure Isabelle Tschernig-Lorenzi

 

 

 

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