Heute war ich um 6 Uhr wach und konnte nicht mehr einschlafen. Die Gedanken wollten partout nicht aufhören zu kreisen. Meine Mama baut ab. Der geistige Prozess hat bereits kognitive Spuren hinterlassen, dick wie die eines fetten Lasters. Damit hatte ich mich schon abgefunden. Jetzt geht der Tod -nicht mehr heimlich- an ihre physische Präsenz auch ran… Wahrscheinlich geht es jedem von uns so, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben einem geliebten Menschen dabei zusehen, wie die Lebenskraft aus ihnen langsam entfließt. Und trotzdem ist es für jeden von uns eine ganz persönliche und individuelle Sache, wie wir damit umgehen.
Die Wut eines Kindes
Als mein Papa 2018 von uns ging, war es das Ende eines langsamen Abschiedsprozess, der sich lange vorher in Gang gesetzt hatte… Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Es starb nämlich mit fast 100 Jahren und dabei hatte er vom Kardiologen -knapp über 50- die Botschaft bekommen, er würde seine gerade geborenen Kinder nicht erwachsen sehen… Medizin ist wohl keine gute Grundlage für eine präzise Voraussage. War, vielleicht ist es heute anders. Der Arzt hatte nicht mit der Entschlossenheit und Lebenskraft meines Vaters gerechnet, 50 Jahre lang hat er einfach weitergelebt und seine beiden Kinder beim Wachsen zugesehen. Ich denke, dass der Wille, der in unserem Geiste wohnt, mehr anrichten kann, als wir ihm zutrauen.
Als mein Papa ging, ist ein Teil des Geistes meiner Mama mitgegangen. Das hat man nicht sofort gemerkt… Nach 16 Monaten waren die ersten Gedächtnisausfälle da. Als wären die Stromkabel von Mikromäusen angefressen. Eine gebrühte Katze fürchtet sich vor kaltem Wasser… die Katze war ich, das Wasser war das träge Voranschreiten der Demenz. Wie Der Schatten im dem Buch „die unendliche Geschichte“ von Michael Ende… Angsteinflössend, alles zerfressender Monster, schlich sich die Demenz heimtückisch durch den früher so wachen Geist meiner Mutter. Maman… hat eine Teil ihres Geistes meinem Papa mitgegeben, damit er nicht allein ist. Nach fast 60 Jahren Ehe, einem Jahrzehnt Pflege… Es überkam mir zuerst die Wut. Ich war so wütend darauf, dass alle meine Pläne einfach so über Bord geschmissen wurden, ohne mein Zutun, gegen meinen Willen. Ich war wütend auf meine Mutter, sie konnte doch das nicht zulassen, sich gehen lassen. Ich hatte mir vorgestellt, dass Maman uns länger in Deutschland besuchen könnte. Nach den Jahren, wo die Verwirrung meines Vaters große Ortswechsel praktisch unmöglich gemacht hatten, war es endlich an der Zeit gewesen, nach seinem Tod, dass sie reist, wieder Freude hat, alte Reiseträume realisierte, ja mit mir, und ihren Enkeln auch. Ich Egoistin, ich wollte sie, meine Maman wieder ein bisschen für mich haben. Ich war so wütend, als ich die ersten Anzeichen sah, dass auch sie, von dem Älterwerden des Gehirns, dem langsamen Erloschen der Seele, in Besitz genommen worden war.
Wut ist leichter als Schmerz
Die Wut hielt lange und heute wollte ich eigentlich über die Trauer schreiben, Die Trauer, die mich heute morgen um 7 Uhr ergriff, als ich nach einer Stunde Hilflosigkeit und Kopfzerbrechen, was ich aus 860 km Entfernung, dafür sorgen kann, dass sie wieder mit 86 (und ein Halb!) Muskel aufbaut, damit, nicht auch noch ihr Körper nach ihrem Geist, mich verlässt. Der Körper der mich noch weiter getröstet hat, auch wenn es innen drinnen nicht mehr so hell erleuchtet war.
Diese Wut ist so viel leichter zu fühlen und hat mich davor geschützt, die tiefe Verletzung zu spüren, die der zäh verfließender Verlust eines geliebten altwerdenden Menschen in mir verursacht. Trauer ist echt ’ne Bitch. Die Trauer um meinen Vater hat schon fast ein Jahr gedauert. Ein Jahr mit weiteren Abschieden, meinem ersten eigenen Hund, Lucky, ging 4 Monate nach meinem Papa aus meinem Leben, einfach so, morgens zusammengebrochen, abends erloschen. Wie soll man denn als sensible Seele mit solchen Verlusten umgehen? Da hilft kein Versuch die Situation zu kontrollieren. Natürlich man könnte rationalisieren, das machen viele. „Es ist doch besser so“, „Immerhin hat er nicht gelitten“, ich habe einige Sprüche gehört von Menschen, die meine Trauer nicht aushalten konnten. Und Moment mal, es war nicht so, dass ich die ganze Zeit geheult habe und nicht mehr klar kam. Ich habe einfach meine Trauer gelebt, darüber gesprochen. Un d vielen ist das zuviel, sie halten dieses unangenehme Gefühl der anderen nicht aus, das können sie weder kontrollieren, noch runterschlucken oder runterspülen, vielleicht machen sie das mit den eigenen unangenehmen Emotionen. Das kann schon Angst machen, wieder in so einer Situation zu stecken, in der die Menschen um dich herum von deiner gelebten Trauer genervt oder aber gelähmt sind. F***!
Und dann kam die Verlustangst
Ich war also lange wütend, nicht auf die, auf meine Mutter. SIE war das, die den Kopf Zelle für Zelle verlor, als würde sich ihre Madame LORENZI-Seelen-Tasse durch ein mikroskopisches Loch leeren. Konnte sie sich nicht ein bisschen anstrengend? Gehirnspiele machen, Erinnerungen erzählen, Kochen und backen, für uns weiter sorgen… DA SEIN! Auch sie aber wurde schnell verwirrt bei Ortswechesel, erkannte das Hochzeitsgeschirr in dem Haus nicht mehr, wo sie 50 Jahre gelebt hatte. Schnell wurde mir klar, sie braucht einen festen Rhythmus und „points de repère“, Bezugspunkte, die sie täglich vor Augen hat… Auch das ist verwirrend genug, weshalb ich jetzt die Handtücher mit den Küchentücher finde, oder die Gläser bei den Tassen, die Teller in allen Schranken verteilt, deshalb braucht sie Hilfe und bekommt sie, Gott sei dank. Haushaltshilfe, Perlen und nicht-Perlen, Krankenschwester (definitiv eine Perle! Merci @Carole)… Aufatmen, gerade lief alles gut, alles war organisiert. Noch kann sie in ihrer Wohnung bleiben… Points de repère eben! Gerade war alles gut und schon baut sie das Gerüst ab. Was bleibt dann, wenn auch der Körper nicht mehr gerade halten kann? Wenn der Kopf dir nicht sagt, dass du etwas tun musst, um weiterzumachen… wenn nicht jemand dauernd da ist, um dich dann daran zu erinnern, dass du trinken musst, aufrecht gehen solltest, dich bewegen musst… liegen, die ganze Zeit liegt sie… und es zerfließt noch mehr Leben durch die Couch aus ihr raus… fließt weg und kommt nicht mehr. Oder? Kann wieder kommen?
Oh mein Gott, sie geht gerade eine ganz Meile weiter von mir und ich zertrümmere mir den Kopf, wie ich den Schaden des Todes eindämmen kann. Ich habe so eine Trauer auf einmal in mir… ich spüre, wie ein zusätzlicher Teil meiner Maman aus meinem Herzen ausgerissen wird. Tränen des Abschieds fließen aus meinem Herzen, als würde es dieses tonnenschwere Gewicht dadurch etwas leichter werden. Ich habe so Angst meinen Mama zu verlieren. Und ich merke, ich darf mich in dieser Emotion gehen lassen. Gerade geht es nicht darum, zu handeln und etwas Neues wieder zu ihrem Wohl in Gang zu setzen. Nein, es geht darum zu fühlen, wie der Schmerz jetzt schon da ist, nichts gegen den Verlust machen zu können. Noch ist sie da und trotzdem ist weniger da von ihr als in September, als ich sie besucht habe. Ihre Enkelin war bei ihr dieses Wochenende und ihre eigene Trauer und vorzeitigen Abschiedschmerz ist mein eigener geworden. Ihre Überforderung mit dem Abbau ist meine geworden.
Von Verlustangst zu Kontrollverlust
Gibt es nichts anderes jetzt zu tun zwischen dem Versuch die Situation zu kontrollieren, und kapitulieren? Zwischen Lösungen finden, eine Physiotherapeutin für mehr Kraftaufbau verordnen lassen, einen Rollator besorgen, oder gleich doch einen Rollstuhl, damit sie rausgehen kann, mit Hilfe, und mehr am Leben teilnehmen kann… Alles in meiner Macht stehendes tun, um den Faden zwischen Leben und Tod weniger zu sehen, um den Tod noch ein bisschen gedulden zu lassen, um nicht wieder so tief von der Trauer erschüttert zu werden. Ich will diesen Schmerz meinen Kindern ersparen, auch sie haben bereit viele Menschen verloren…zwei Opas, eine Omi… die letzte Kämpferin der Generation soll doch weiter kämpfen! Ich bereue, dass ich nicht mehr Zeit mit meiner Mutter in der Küche verbracht habe. Ich weiß doch nicht einmal genau, wie sie mein Lieblingsrezept immer gemacht hat, wie meine Oma: les artichauts à la farigoule… Wie hat sie den „Cake“ so gut immer hinbekommen? Wie kann ich die Kontrolle darüber aufgeben? Heisst es nicht überhaupt aufgeben? Das sind alle so vergebliche Versuche, gute Gründe zu finden, weshalb es sich zu kämpfen lohnt oder?
Heute morgen bin ich sehr früh wach gewesen und war unruhig und habe Pläne in meinem Kopf gewälzt… ja fast conchiert… Ich habe Gedankenschokolade gemacht, bis plötzlich die Tränen hochkamen, ganz heftige Tränen der Trauer. Jetzt war sie da, die Trauer, volle Kanne, obwohl Mama noch lebt. Sie weiß nicht mehr was sie heute Morgen gegessen hat, oder sogar ob sie gegessen hat, aber sie lebt. Sie vergisst auch aufs Klo zu gehen und da passieren unschöne, demütigende Sachen, aber sie lebt.
Kann ich das akzeptieren? Kann ich mit meinem hohen Maß an Sensibilität einen Weg finden, damit fertig zu werden, ohne dass es mich fertig macht? Wird es jemals wieder gut, danach, wenn maman nicht mehr da ist…
Das Gehirn macht gar keinen Unterschied, ob eine Emotion anhand einer bestimmten Realität entsteht oder wegen einer Fantasiereise… Nicht nur für Trauer, für alle Emotionen, auch die angenehmen, wärmenden Emotionen, wie Liebe, Freude und Dankbarkeit. Ich werde mir meine Trauer erlauben, für die Anteile meiner Mama, die nur noch in meiner Erinnerung sind, ich will diese Anteile fest in meinem Herzen verankern, sie mit tiefer Dankbarkeit für alle diese Jahre, diese Umarmungen, diese fantastischen Familienfeste, diese Kuchen, für dieses Lächeln, wenn sie mich gesehen hat und mein Herz wird noch größer werden müssen, weil noch ein Mensch da für alle Ewigkeiten leben wird. Ich bereite ihn jetzt einfach dafür vor.

